Aktien-Aversion deutscher Sparer hält sich hartnäckig

Von Harald Schmidt, dpa

Die Börsen boomen - zumindest, wenn man von den vergangenen Tagen einmal absieht. Sparbücher und Tagesgelder sind nach Abzug der Inflation oft ein Verlustgeschäft. Trotzdem machen die Deutschen einen Bogen um Aktien.

Frankfurt/Main (dpa) - Aktien sind den meisten Sparern in Deutschland unheimlich. Obwohl die Zinsen extrem mickrig sind und die Börsen in den ersten Monaten des Jahres regelrecht boomten, legen die Menschen ihr Geld lieber auf dem Sparbuch oder dem Tagesgeldkonto an. In Aktien steckt hingegen nur eine Minderheit der Deutschen ihr Geld. Und diese Minderheit wird immer kleiner. Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) schlägt Alarm.

Die Aktie friste ein Nischendasein. Daran hätten die Niedrigzinsen, das Kursfeuerwerk an den Börsen und Rekord-Dividenden nichts geändert. „Im Gegenteil“, warnt DAI-Chefin Christine Bortenlänger: „Ein langfristiger Vermögensaufbau wird so verhindert, obwohl dieser für die Sicherung des Lebensstandards im Alter so wichtig ist.“

Seit Jahren beobachtet das DAI die Abkehr der Sparer vom Börsenparkett mit Sorge. Allein 2014 trennten sich rund eine halbe Million Deutsche von Aktien oder Anteilen an Aktienfonds. Seit 2001 kehrten demnach fast 4,4 Millionen Anleger den Börsen den Rücken. Nur noch 8,4 Millionen Menschen in Deutschland - also rund 13 Prozent der Bevölkerung - hatten 2014 Geld in Aktien oder -fonds angelegt.

Doch woran liegt es, dass die allermeisten Deutschen Aktien verschmähen? An den schlechten Erfahrungen etwa aus dem Trauerspiel der „Volksaktie“ Telekom? An Kurseinbrüchen wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase, dem 11. September oder der Lehman-Pleite?

Das DAI und die Börse Stuttgart wollten es - natürlich in eigenem Interesse - genau wissen und haben eine Umfrage in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Wissenslücken und Unsicherheit bilden eine Hürde für den Aktienkauf, Missverständnisse und Fehlurteile sind weit verbreitet. „Häufig wissen die Menschen schlicht nicht, wie sich die Aktienanlage mit kleinen Anlagebeträgen, ohne großen zeitlichen Aufwand und ohne ausgeprägte wirtschaftliche Kenntnisse sinnvoll für den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge nutzen lässt“, heißt es in der Studie „Aktienanlage ist Kopfsache“.

Nach der Umfrage halte sich auch das „Vorurteil“ hartnäckig, Aktien seien unsicher und riskant. Auch deshalb vertrauten die Menschen einseitig auf „vermeintlich risikoarmes Sparen“, sagt Michael Völter, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse. Diese Einschätzung sei aber falsch, betont Bortenlänger: „Wenn man langfristig anlegt, geht das Risiko gegen Null, Verluste zu machen.“ Völter sieht diese „Fehleinschätzung“ psychologisch begründet: „100 Euro Verlust werden stärker wahrgenommen als 1000 Euro Gewinn.“

Aus den Vorurteilen resultiere eine spürbare Zurückhaltung gegenüber Aktien. 55 Prozent der Befragten würden von einem fiktiven Geldbetrag in Höhe von 10 000 Euro und bei einem Anlagehorizont von 25 Jahren keinen einzigen Cent in Aktien oder -fonds investieren.

Diese Scheu wirke sich umso gravierender aus, je länger die Niedrigzinsphase dauert, rechnen DAI und Börse Stuttgart vor: „Wer 20 Jahre jedes Jahr 1000 Euro - also insgesamt 20 000 Euro - zur Seite legt, kommt bei dem derzeitigen Zinsniveau von selten über zwei Prozent am Ende nur auf ein Vermögen von knapp 25 000 Euro vor Kosten und Steuern.“ Bei einer durchschnittlichen Aktienrendite am deutschen Aktienmarkt, die über diese Zeiträume fast nie unter sechs Prozent gelegen habe, stehe dagegen ein Endvermögen von fast 39 000 Euro.

Das ist allerdings nur eine Hochrechnung auf Basis bestimmter Annahmen - ebenso könnten die Zinsen künftig wieder steigen und die Aktienkurse fallen. Und es hilft dem Einzelnen wenig, der sein Geld in das falsche Unternehmen steckt. Die Aktionärsschützer des DSW analysieren Jahr für Jahr, wie viel Geld die 50 größten deutschen Kapitalvernichter verbrennen. Im Fünfjahresvergleich lag der Kursrückgang dieser 50 schwarzen Schafe bei 58 Prozent, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. Zum Vergleich: Der Leitindex Dax legte in diesem Zeitraum um 61 Prozent zu, der MDax für mittelgroße Werte um 121 Prozent.

Von diesen Kursgewinnen haben die meisten Deutschen nichts: Nach Bundesbank-Zahlen investieren private Haushalte ihr Geld trotz extrem niedriger Zinsen vor allem kurzfristig etwa in Tagesgeld. Von den 5,072 Billionen Euro Geldvermögen im vierten Quartal 2014 entfielen demnach fast 2 Billionen Euro auf Bargeld und Spareinlagen - aber nur 0,5 Billionen Euro auf Aktien und sonstige Anteilsrechte.

Nach der Umfrage hat sich die Einstellung zur Aktie durch die Finanzkrise noch verschlechtert - trotz der jüngsten Rekordstände beim Dax. Knapp ein Drittel der Befragten denke heute schlechter über Aktien als zuvor, nur drei Prozent hätten eine bessere Meinung.

(Bild: Silke Kaiser/pixelio.de)



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