Schwellenländer wenden sich von Dollar als Leitwährung ab

Von Tobias Schmidt, dpa-AFX

Den Wert der eigenen Währung an den US-Dollar binden: So einfach war Geldpolitik für viele Schwellenländer über Jahrzehnte. Doch damit ist es vorbei. Zu groß ist der Druck des Marktes und Spekulanten machen alles noch schlimmer. Immer mehr Länder ziehen die Notbremse.

Frankfurt/Main (dpa) - Seit Jahrzehnten koppeln viele Schwellenländer ihre heimischen Währungen an den US-Dollar. Doch inzwischen springen immer mehr von ihnen ab, weil die starke US-Währung sie zunehmend unter Druck setzt. Diese Woche hat Ägypten die Notbremse gezogen und seine Währung massiv abgewertet. An den Finanzmärkten wird schon über die nächsten Kandidaten spekuliert. Wichtige Ölexportländer stehen besonders im Visier. Das wichtigste Schwellenland China verspricht unterdessen, den Wert der eigenen Währung zu verteidigen.

Die Notenbank in Kairo hingegen will nicht mehr mit dem starken US-Dollar mithalten und ließ das ägyptische Pfund drastisch abwerten. In kürzester Zeit büßte die Währung zum Dollar etwa 13 Prozent an Wert ein. Zudem kündigte die Notenbank an, den Wechselkurs künftig flexibler zu handhaben. «Unsere Entscheidung wird Ägypten in die Länder mit hocheffektiven und transparenten Wechselkurssystemen einreihen», begründeten die Experten den Schritt. Die Orientierung am Dollar - ein Modell von gestern?

So scheint es. Denn nicht nur Ägypten kehrt sich vom Dollar ab. Seit vergangenem Jahr verabschiedet sich ein Schwellenland nach dem anderen vom US-Vorbild. Argentinien, Nigeria, Angola und Vietnam, die Liste ist lang. Auch Russland und das wirtschaftliche Schwergewicht China haben kräftig abgewertet. Die heftigste Bewegung gab es nach der Wechselkursfreigabe im August in Kasachstan. Der kasachische Tenge verlor fast die Hälfte seines Werts.

Der wichtigste Grund für die Abkehr vom Dollar ist dessen Stärke. Wenn er auch zuletzt wieder etwas nachgegeben hat: Unterm Strich ist er seit dem vergangenen Jahr so stark wie seit Anfang des neuen Jahrtausends nicht mehr. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Die US-Notenbank Fed hatte im Dezember begonnen, ihre Zinsen anzuheben. Fortsetzung folgt. «Der nächste Zinsschritt dürfte vorbereitet werden», sagt Dirk Gojny, Analyst bei der National-Bank.

Das Kalkül der Schwellenländer bei der Auflösung der Dollarbindung: Eine Abwertung der heimischen Währung macht Investitionen für Ausländer attraktiver, weil diese in anderen Währungen gemessen billiger werden. Außerdem werden ausländische Touristen mit günstigeren Preise gelockt, und die Exportprodukte werden erschwinglicher.

Allerdings werten viele Länder nicht ganz freiwillig ab, sondern geben schlicht dem Druck des Marktes nach. In Ägypten beispielsweise hatte sich ein erheblicher Teil des Devisenhandels in den Schwarzmarkt verlagert. Dort bekomme man selbst nach der Abwertung immer noch mehr ägyptische Pfund für einen US-Dollar, meint Lothar Heßler, Analyst bei der Bank HSBC Trinkaus.

Bauchschmerzen bei der Abkehr vom Dollar sind berechtigt, denn sie ist riskant. Starke Währungsschwankungen machen Handelspartnern die Kalkulation schwer. Das wirkt abschreckend, und ein Großteil des weltweiten Handels wird in Dollar abgewickelt. Außerdem droht eine galoppierende Inflation. Importierte Güter werden teurer. Das geht zu Lasten der Menschen, die sich von ihrem Geld weniger leisten können.

Im Falle des wirtschaftlichen Riesen China kommt hinzu, dass die Währungsabwertungen heftige Turbulenzen an den Finanzmärkten weltweit verursachen. Wann immer China den Yuan, auch Renminbi genannt, überraschend und kräftig abwertet: Die Börsen rund um den Globus spielen verrückt. Besonders schlimm war es im Sommer 2015 und zu Beginn des laufenden Jahres. Inzwischen versucht Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochuan zu beschwichtigen. Am Samstag betonte er, dass China keine weitere Abwertung anstrebe. Die Währung befinde sich inzwischen auf einem «angemessenen» Niveau, sagte Zhou.

Einige Spekulanten schenken solchen Beschwörungen aber wenig Glauben und sehen in ihnen eher eine Gelegenheit, gegen die Notenbanken zu wetten. Die müssen dann mit Devisenverkäufen gegenhalten. Gehen die Fremdwährungsreserven zur Neige, wird es eng. Ganz oben auf der Angriffsliste stehen derzeit auch die Ölexportländer im Nahen Osten, die bislang sehr eng an den Dollar gebunden sind. Die seit Monaten extrem niedrigen Ölpreise machen ihnen zu schaffen. Die Spekulanten setzen darauf, dass die Wüstenstaaten ihre Währungen abwerten müssen, um die Ölindustrie und damit die Staatskasse zu entlasten. Es ist ein Tauziehen, das die Wechselkursbindungen zu zerreißen droht.

(Bild: Roland Bamberger/pixelio.de)



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