Energiewende wird auch 2016 Abhängigkeit von ausländischem Gas steigern

Von Jan-Henrik Petermann, dpa

Ohne genügend Erdgas zu vertretbaren Preisen können Verbraucher und Industrie ihren Wärme- und Strombedarf nicht decken. 2015 lief die deutsche Versorgung weitgehend problemlos. Im neuen Jahr gibt es jedoch etliche ungelöste Fragen mit viel Konfliktpotenzial.

Berlin (dpa) - Eine stabile Gasversorgung ist für die deutschen Haushalte und Unternehmen auch 2016 unverzichtbar - die politische Großwetterlage und die Energiewende bergen aber weiter hohe Risiken.

Weil die heimische Förderung zurückgeht, ist die Bundesrepublik immer stärker auf Erdgas-Einfuhren angewiesen. Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sank die deutsche Produktion in den vergangenen fünf Jahren um 32 Prozent. «Damit wächst die Abhängigkeit von Importen, insbesondere aus der Russischen Föderation, aber auch aus dem Nahen Osten und Afrika», betonen die Experten. Der Widerstand gegen die umstrittene Fracking-Technik dürfte ebenso dazu beitragen.

Die Gasspeicher - eine Art flächendeckendes Sicherheitsnetz - waren Ende Dezember in Deutschland zu 75 Prozent gut gefüllt. Aus Sicht von Eon sind kalte Wohnzimmer oder unterbrochene Fabrikschichten keine Gefahr: «In den vergangenen Jahren haben die Speicher auch bei kalten Perioden ihre hohe Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.» Doch parallel steigt die Erdgas-Nachfrage, dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zufolge 2015 um 5 Prozent gegenüber 2014.

Ist dies der Grund, warum etliche Versorger günstige Konditionen auf dem Weltmarkt oft nicht an die Endverbraucher weitergeben? Nach einer Studie des Energiefachmanns Steffen Bukold für die Grünen verbuchten die Anbieter 2015 Zusatzeinnahmen von 1,3 Milliarden Euro, die sie in Preissenkungen hätten ummünzen können. 2016 sollen die Kunden etwas mehr profitieren. Nach Angaben des Verbraucherportals Check24 wollen 184 Grundversorger für das erste Quartal niedrigere Tarife anbieten.

Insgesamt muss die Branche aber hohe Investitionen stemmen. Dringend nötig ist ein Umbau der Netze - die Verbraucher finanzieren das per Umlage mit. Und über die schwierige Stromerzeugung mit Gaskraftwerken treibt die Verfügbarkeit des Rohstoffs die gesamte Energiewirtschaft um: Weil der Ökostrom-Boom die Großhandelspreise drückt, können gesunkene Beschaffungskosten kaum an die Stromkunden weiterfließen.

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt zudem der Konflikt zwischen der Ukraine - dem Haupt-Transitland für russisches Gas in den Westen - und Moskau. Um den Nachbarn zu umgehen, hatte der Staatsmonopolist Gazprom im September den Ausbau der Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee vereinbart. Auch BASF/Wintershall und Eon beteiligen sich.

Während die Privatwirtschaft das Mega-Projekt vorantreibt, sorgten die Pipeline-Pläne beim EU-Gipfel kurz vor Weihnachten für heftigen politischen Krach. Eine vor allem in Osteuropa geforderte Erklärung, dass «Nord Stream 2» die EU-Energiepolitik aushebele, schaffte es am Ende doch nicht ins Abschlussdokument. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, die Pipeline sei ein Wirtschaftsprojekt privater Investoren.

Trotz gemeinsamer Geschäfte auf Unternehmensebene verlängerte die EU ihre Russland-Sanktionen. Und auch der Rohstoff-Streit zwischen dem Kreml und der Türkei wegen des Syrien-Kriegs enthält viel Zündstoff. Dabei sollte die Leitung Turkish Stream durch das Schwarze Meer, die Türkei und Griechenland zur zweiten Gas-Lebensader Europas werden.

«Die Versorgungssicherheit ist ein extrem politisches Thema - wir reden immer noch von Krisen, Lieferstopps, Zahlungsverzug», erklärt Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst. Aber Grund zu allzu viel Sorge gebe es nicht: «Wir haben viel Gas aus den unterschiedlichsten Quellen - obwohl wir uns sanktionsseitig mit Russland kabbeln.»

Neue Stabilität in der west-östlichen Energie-Diplomatie könnte auch ein Deal der BASF-Tochter Wintershall - Deutschlands größter Förderer - mit Gazprom aus dem Oktober geben. Die Deutschen bekommen mehr Rechte an Feldern in Westsibirien, die Russen Zugriff auf das Gasspeicher- und Handelsgeschäft von Wintershall. So oder so: Russland bleibt vorerst Deutschlands größter Energielieferant, 38 Prozent allen Erdgases kamen 2014 vor dort. «Gazprom ist für uns immer ein berechenbarer und verlässlicher Partner gewesen», beteuerte BASF-Chef Kurt Bock. Am Gasfeld Yuzhno Russkoe hält auch Eon Anteile.

Auf längere Sicht müssen auch deutsche Versorger die Zusammensetzung ihrer Quellen im Blick behalten. Die Niederlande - Zulieferer Nummer zwei - wollen nach Mini-Erdbeben die Produktion ab 2020 drosseln. Vor der Küste Norwegens, des drittwichtigsten Gaslieferanten, kaufte sich ein russischer Magnat ein: Der Milliardär Michail Fridman übernahm die Fördertochter Dea von RWE. Der BDEW entwarf ein Modell für eine Gasreserve, «um auch für Extremsituationen» besser gewappnet zu sein.

Die hohe Politik bleibt beim Thema Gas also im Spiel. Wird der Iran zum mächtigen Anbieter, wenn die Sanktionen gegen Teheran fallen? Welchen Einfluss hat die Fracking-Revolution in den USA? Wann kommt die «Energieunion», um die Abhängigkeit der EU zu verringern? Fragen über Fragen, die 2016 für deutsche Kunden große Folgen haben könnten.

(Bild: Lupo/pixelio.de)



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